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Älteste Meckbächerin ist tot

359 Jahre alte Dorflinde musste gefällt werden / Pilzbefall am Wurzelwerk / Keine Standsicherheit mehr / Landrat spendet neue junge Linde

Die älteste Einwohnerin des Ludwigsauer Ortsteils Meckbach ist tot: Um 12.07 Uhr fiel der Stamm der 359 Jahre alten Dorflinde krachend zu Boden. Fast drei Stunden lang hatten zuvor Spezialisten der Firma Wäldchen aus Mittelhessen die imposante, 16 Meter hohe Linde Ast für Ast und Stück für Stück abgesägt. Zum Schluss ragte nur noch ein kahler etwa fünf Meter hoher Stumpf in den regengrauen Himmel über dem Dorf, bevor auch dieser, gezogen von einer ganzen Schar von Meckbächer Bürge-rinnen und Bürger, umstürzte. Vielen Meckbächern war es weh ums Herz, als sie ihre Linde fallen sahen, viele Geschichten wurden erzählt, Erinnerungen wurden wach und Anekdoten machten die Runde.

Der Baum war eine von zahlreichen „Friedenslinden“, die nach dem Ende des 30jährigen Krieges gepflanzt wurden. Hier in unserer Heimat war die Friedenssehnsucht sehr stark ausgeprägt, verlief doch nur wenige Kilometer südlich die Frontlinie des Krieges, der so viel Leid und Elend über die Menschen gebracht hatte. 1648, nach dem als „Westfälischer Friede“ bekannten Friedensschluss von Münster und Osnabrück, pflanzten die Bürger in Meckbach den Baum, der jetzt, 359 Jahre später, gefällt werden musste. Pilzbefall hatte das Wurzelwerk des Baumes so stark geschädigt, dass akute Umsturzgefahr herrschte und die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises schweren Herzens das Fällen des Naturdenkmals anordnen musste.

Neun Uhr früh rücken die Spezialisten an. Es ist nasskalt und trotzdem kommen immer mehr Bürger zusammen, vor allem die Älteren. Sie erinnern sich, wie sie rund um den Baum vor langen Jahrzehnten mit den Fahrrädern fuhren, wie sie sich dort trafen, lachten, Feste feier-ten, Spaß hatten, Kriegswirren erlebten und vieles mehr. Besonders das Ende des Zweiten Weltkrieges wird immer wieder erwähnt. „Wir haben damals Waffen und Munition in den Baum geworfen“, erinnert sich ein alter Meckbächer. Als die Amerikaner kamen, mussten alle Waffen abgegeben werden. Sie lagen auf dem Dorfplatz unter der Linde und einige wurden in eine Öffnung des Baumes geworfen. 1931 war ein starker Ast abgebrochen und in diesem Loch verschwanden die Kriegsutensilien. Alle sind jetzt gespannt, was tatsächlich zum Vorschein kommen wird.

Stück für Stück frisst sich die Kettensäge durch das Geäst des Baumes. Ein Kleiber-Pärchen umkreist aufgeregt die Krone. Sie haben Futter im Schnabel und wollen ihre Jungen füttern, die oben im Baum im Nest hocken. Die Kleiber werden umsonst suchen und sich einen anderen Nistplatz anlegen müssen. Ast für Ast fällt die Linde. Ein Bild des Jammers. Aber es hilft ja nichts, sind sich die Dorfbewohner einig.

Die Linde ist morsch, der Pilz hat die Standsicherheit angegriffen, der Baum kann jederzeit umfallen. Den Sturm „Kyrill“ am 18. Januar hat er nur deshalb überstanden, weil er noch kein Blattwerk hatte, ist einhellige Meinung im Dorf. Nicht auszudenken, wenn heute solch ein Sturm käme.

Statt des Sturms legt die Kettensäge die Linde kontrolliert und Stück für Stück um. Nach und nach skelettiert der Experte den Baum, bis nur noch ein stummer, kahler Stumpf übrig bleibt. Das Ende des stolzen Baumes ist nahe. Ortsvorsteher Friedhelm Eyert ruft die Meckbächer an das Seil, um den Stumpf eigenhändig umzuziehen. Alt und Jung, Männer, Frauen und Kinder legen mit Hand an und um 12.07 Uhr ist die älteste Bewohnerin Meckbachs tot.

Kaum liegt der Stamm, strömt das Dorf zum Stumpf. Mit einer Schaufel geht es in das moderige morsche Innere. Schicht um Schicht wird abgegraben. Erst taucht ein Wehrmachtshelm auf, dann noch einer, eine alte Flasche, ein Seitengewehr, Eisenteile, jede Menge Steine, weitere Stahlhelme, und plötzlich eine Granate. Von der hatte ein Dorfbewohner bereits er-zählt. Jetzt ist Vorsicht geboten. Alle Mann zurück. Die Polizei wird verständigt, der Kampfmittelräumdienst angefordert. Wer weiß, was noch alles zutage gefördert wird aus dem Bauch des toten Baumes.

Kahl ist die Dorfmitte geworden. Kahl und ungewohnt der Anblick. Noch wenige Stunden zu-vor war alles wie immer. Jetzt ist nichts mehr, wie es war. Der Dorfplatz, von Alters her Gerichtsplatz und Treffpunkt und Mittelpunkt des Dorfes, ist verwaist. Er wird es nicht lange bleiben. Landrat Dr. Karl-Ernst Schmidt spendiert den Meckbächern eine neue Linde. Am „Tag der Umwelt“, 05. Juni, übergibt er im Dorf um 18.00 Uhr einen neuen, jungen, kräftigen Baum. Für die nächsten 350 Jahre Dorflinde am angestammten Platz in Meckbach.

Nachricht vom 11.5.07 15:05

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Letzte Aktualisierung: Dienstag, 10. Dezember 2019

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